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„Pinsel sind langweilig“

Erstelldatum12.06.2026

Der Dürrenmettstetter Ortschaftsrat zu Besuch in der Halle 16

„Pinsel sind langweilig“

Der Dürrenmettstetter Ortschaftsrat zu Besuch in der Halle 16

„Oh, der Zackenspachtel. Das wird cool.“ Vor einem langen Tisch, der mit einer bunten Palette von Acrylfarben bedeckt ist, stehen die Mitglieder des Dürrenmettstetter Ortschaftsrats und wählen ihre Werkzeuge aus. Ein Mutiger greift zur Zahnbürste. Drei Farben pro Bild sind erlaubt. Mehr nicht. Und Pinsel? Die sind tabu. „Die sind langweilig“, erklärt Gitta Bertram mit einem Augenzwinkern.

An diesem Mittwoch, 10. Juni, wird in der Halle 16 in Sulz gemalt, dem soziokulturellen Zentrum der Stadt. Auf Anregung des Ortsvorstehers Siegfried Dölker besucht das Gremium die Halle – als erster Ortschaftsrat überhaupt. „Kultur ist wichtig. Und mir ist wichtig, dass ihr seht, was für eine wertvolle Arbeit hier geleistet wird“, betont Dölker. Mit dem Besuch wolle man diese Arbeit würdigen, die er zugleich als soziales Engagement versteht. Die Räte sollten nicht nur zuschauen, sondern selbst Hand anlegen.

Und schon wird gemalt – oder besser: gespachtelt. Einer lässt Schwarz auf Grün knallen, ein anderer hält sich an Blautöne, die Nächste wagt eine Komposition in Rot und Pink. „Das geht schon ganz nah an Picasso ran“, kommentiert einer schmunzelnd. „Ich mag meine Grundfarben“, sagt ein anderer. „Auch auf den Fingernägeln.“

Angeleitet werden sie von Gitta Bertram, promovierte Kunsthistorikerin und eine der treibenden Kräfte der Halle. „Halle für alle“ – so lautet das Motto, und Bertram nimmt es wörtlich. Die Angebote seien auf Spendenbasis. „Unser Anspruch ist, einerseits allen zu ermöglichen, dabei zu sein und sich einzubringen und andererseits aber auch die Künstler für ihre Arbeit zu bezahlen.“

Die Leute kommen aus dem Ort und der ganzen Umgebung. Ein reiner Veranstaltungsraum war die Halle 16 nie: Zwei feste Ateliers gibt es hier, eines von Bertram, eines von der Künstlerin Verónica Munín-Glück. Eigentlich wollen die beiden hier arbeiten – nur kommen sie kaum dazu. „Hier geht es zu wie im Taubenschlag“, sagt Bertram. Bei gutem Wetter steht das Hallentor offen. „Dann haben wir einen Durchlauf von Kindern, die malen wollen, oder von älteren Menschen“, ergänzt Anna Sophie Klaussner, die einzige hauptamtliche Kraft im Team. Manche kämen auch nur, um nach Touristentipps zu fragen – und bekämen dann den Hinweis aufs Wasserschloss in Glatt oder den Aussichtsturm in Dürrenmettstetten.

Genau darum geht es Bertram: um einen Ort, an dem sich Menschen begegnen, die sich sonst nie über den Weg laufen würden. „Dritte Orte“ nennt sie das – Orte neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz, an denen man sich austauschen kann, ohne etwas konsumieren zu müssen. „Von Kindern auf der Straße bis zu den eher gut Betuchten aus Stuttgart, die für bestimmte Konzerte herkommen.“ Die Mischung macht’s.

Das Programm ist bewusst breit: Konzerte, Lesungen und Theater, Klassik und Jazz – aber auch Workshops, offenes Singen oder eine Theaterwerkstatt zum Mitmachen. Manche Angebote gibt es nur einmal in der Region, dann reisen Gäste aus Leinstetten, Heilbronn oder Konstanz an. An diesem Samstag zieht für sechs Wochen ein Konzertflügel in die Halle ein.

Getragen wird all das vom Ehrenamt. Rund 40 bis 60 Menschen packen regelmäßig mit an. Das Gebäude gehört der Stadt; was instand gesetzt wird, Strom und Wasser, zahlt der Verein. Ehrenamtliche haben die Fenster abgedichtet und in diesem Jahr die Decke saniert. „Wir haben 900 Kilo Spachtelmasse verarbeitet“, erzählt Bertram. Wer mitmachen will, muss kein Amt übernehmen und sich zu nichts verpflichten – organisiert wird über WhatsApp-Gruppen, helfen kann man auch nur für einen Abend.

Gedacht war die Halle 16 als Versuch für ein Jahr. Inzwischen läuft das vierte. Ein Problem aber bleibt: Im Winter ist die Halle nicht beheizbar. „Mit Kindern und Inklusionsgruppen können wir hier dann nicht arbeiten“, sagt Bertram. Die Hoffnung ruht auf einem kleinen, warmen Gebäude neben der Halle, in dem auch das Bauernfeind-Museum Platz fände. „Nichts wahnsinnig Großes.“

Räume wie diese zu erhalten, ist für Bertram nicht nur eine Frage von Kultur für alle. „Alle großen Bands haben irgendwann mal in so einem Raum angefangen. Wenn diese Räume verschwinden, haben wir irgendwann auch keine Stars mehr.“

Am langen Tisch trocknen derweil die ersten Bilder. „Da kannst du nochmal drüber“, sagt Gitta Bertram zu ihrem Tischnachbarn, „wenn es trocken ist.“

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